Aidan und die ungewisse Zukunft

Diese Geschichte erzählt uns von Zweifel, Angst und Sorgen. Und auch von viel Hoffnung, Zuversicht und dem Vertrauen geführt zu werden…

Aidan schrak wegen einem Biss in seinen großen Zeh auf – er hatte wieder verschlafen und sein Kater hatte sich schon daran gewöhnt, ihn zu seinen morgendlichen Pflichten zu holen.

Erschöpft und verschwitzt ließ er sich auf sein Kissen zurückfallen, um mit den Händen auf seinem Gesicht noch einmal tief durchzuatmen. „Dieser Traum“ … dachte er, „immer wieder dieser Traum“. Er half ihm gar nicht. Auch wenn er gelernt hatte auf seine Träume zu achten, sie erwiesen ihm immer gute Dienste … diesmal aber nicht.

Ihm ging es zurzeit eigentlich schrecklich. Wer wusste schon, wie es die nächsten Wochen weitergehen würde. Der Druide hatte die baldige Ankunft der Römer vorausgesagt und war vor zwei Tagen fortgeeilt, um die Initianten vom Berg zurückzuholen, damit sie nicht ungeschützt in den Bergen blieben. Goban, ihr Dorfherr, war schon vor einer Woche zu seinem Vetter drei Tagesritte flussabwärts aufgebrochen, um ihm Bescheid zu bringen.

Und nun, da sein Onkel, bei dem Aidan aufgezogen wurde, immer schwächer ward, musste er seine Aufgabe übernehmen und dafür sorgen, dass das Dorf eine stärkere Befestigung erhielt. Dabei hatte er doch keine Ahnung von alledem. Er selber war Schüler des Druiden. Sein Wunsch war es, sich ganz den Götterdiensten zu widmen. Im schien diese Aufgabe mit der Aufsicht der Bauarbeiten zu groß und unbekannt…. aber er durfte nicht außer sich geraten, die Hoffnung nicht verlieren. Sein Stand als angehender Vate erlaubte ihm das nicht.

Um den Schreck und seine Gedanken abzuschütteln, richtete er sich schnell auf, öffnete die Augen und sprang mit dem rechten Fuß aus dem Bett. Er packte seine Kleider vom Hocker neben sich, trat aus der Hütte und ging hinunter zum Bach hinterm Haus. Es war noch dunkel und im Mondlicht konnte er seinen Atem sehen. Die Frische weckte ihn vollends.

Zielstrebig lief er zum Wasser, tauchte Kopf und Hände ins Wasser und zog sie blitzschnell wieder heraus. So wie er es seit Jahren tat, reinigte er sich mit dem frischen Wasser, um sich auf die Morgengebethe vorzubereiten. Und er spürte förmlich, wie er damit wie neugeboren, frei von den Gedanken, die ihn vorhin noch quälten, zurück zu seiner Hütte lief. Sein Bewusstsein war nun ganz darauf ausgerichtet, seinen Ahnen die Opfergaben darzubringen, ihre Größe zu loben und um ihren Schutz und Segen für das Tagewerk zu bitten.

In seinem Heim schloss er die Tür hinter sich und trat durchs Dunkle in die Mitte seiner Stube zur Feuerstelle. Darauf stand ein kleiner, mit Blumen geschmückter Altar auf einem bestickten roten Tuch. Er entzündete das Licht (wie er dieses erste Licht des Tages am Platz seiner Ahnen liebte) und ließ das zerknüllte Beifußkraut anbrennen – herb duftend stieg der Rauch wie ein Faden empor. Nun begann er die Gebethe zu rezitieren… Das Wiederholen der Laute brachte ihn in einen Zustand der absoluten Ruhe und er spürte immer mehr die Präsenz einer warmen, umhüllenden Kraft. Und da stiegen wieder dieselben Bilder aus seinem Traum auf: er sah einen Hund am Boden schön brav sitzen, um seinen Hals ein Seil … wer es in der Hand hielt, konnte er nicht sehen. Und er verstand die Botschaft des Traumes nicht. Ein angebundener Hund? Sollte er das selbst sein? War er zu sehr von seinen Gefühlen gefesselt? Er zweifelte ja an jeder seiner Entscheidung beim Bau…

Er bekam keine Antwort. Es kam ihm besser vor, die Sache wieder ruhen zu lassen. Die Erkenntnis würde ihm schon kommen. Er schob die Bilder beiseite, verabschiedete sich und führte seine Gänge fort in den Wald hinauf, um den Göttern ihre Gaben an ihre heiligen Stätten zu bringen, um dann bei Sonnenaufgang zu seiner Arbeit zu gehen.

Vorbei an den Mädchen des Dorfes, die mit ihren Müttern die Wolle ihrer Schafe, die gestern geschoren wurden, zu reinigen und kämmen, ging Aidan den Weg hinunter zu den Bauarbeiten an der Umfriedung der Häuser. Noch einen kurzen Blick zurück zur Tochter des Dorfschmieds riskierte er, jedoch zu früh – ihre Blicke trafen sich, sie hatte seinen noch gesehen – schnell richtete er sich wieder nach vorne. Sie hatte gelächelt, oder?

Die kurze Freude verschwamm durch den ersten Arbeiter, der ihm entgegen kam. Bestimmt würde er ihm berichten, dass die Holzsäulen im nördlichen Bereich des Dorfes nicht gehalten hatten und fragen was nun zu tun wäre. Und so war es, als ob er es schon vor zwei Tagen gewusst hätte…

Immer wieder während dieser neuen Aufgabe merkte er, wie er Ahnungen hatte, was funktionieren würde oder nicht, oder zufällig fiel ihm ein Lied der Alten ein, wie als Antwort auf eine Frage der Dorfbewohner. Sie wussten alle, dass er zu jung und unerfahren für diese Aufgabe war, jedoch die Umstände wollten es so. Und er sollte einfach öfter auf diese Eingebungen hören…

Immer wieder im Laufe des Tages, wenn wieder eine neue Entscheidung anstand, musste er sich selbst zügeln, seine wirren Emotionen und Unsicherheiten zurück an ihren Platz schicken, wieder zur Ruhe kommen. Er musste die Tage überstehen, bis zur Rückkehr ihres Obersten….. und wenn die Römer davor schon kommen würden?

Er schob die Gedanken weg, wie die Bilder seines Traumes.

So vergingen die Stunden und des Abends setzte er sich müde auf den großen Stein hinter dem Haus in die Abendsonne.

Cian, sein Freund, ganz dreckig und verschwitzt von der Arbeit, kam heran, schlug im etwas zu hart auf die Schulter und hielt ihm eine Schale Ritschert und einen Brocken guten, harten Käse hin. „Freund sei ruhig, du machst das besser als du meinst!“ Und mit einem weiteren Klaps ging er davon und rief noch zurück: „…und geh heute früher schlafen, die Betherei in der Nacht hilft dir auch nicht dabei früher aufzustehen!“

Woher er das schon wieder wusste?

Aber das Bethen war das einzige, was ihn immer wieder auf die richtige Bahn brachte. Er verschlang regelrecht sein Mahl. Bevor er dieser Tage so viel arbeiten musste, wusste er nicht, wie köstlich so ein Eintopf sein konnte!

Danach wusch er Cian’s Schüssel unten am Bach und sich selber gleich auch noch. Er überlegte noch beim Zurückgehen, ob er heute vielleicht ruhiger schlafen könnte… Er trat zum Ahnenaltar und begann völlig erschöpft: „Ach Ahna, Ähne – ach ihr weisen Alten. Lob sei euch für all die Arbeit, die ihr vollbracht habt, für all die Nöte, in denen ihr eure Sippe geschützt und getragen habt. Hört mich! Steht mir bei! Sagt mir, wie sollen wir das alles schaffen. Werden wir früh genug fertig? Gebt mir die rechten Entscheidungen ein für den Bau, für unser Dorf…“ Und wieder kamen ihm die Bilder von dem Hund mit dem Seil … wieder dieses abstruse Bild – nun verzog Aidan tatsächlich sein Gesicht vor Verzweiflung – und dann hörte er (ob in seinem Kopf oder vor sich am Altar, wusste er nicht genau) die Stimme seines Großvaters. „Du Dummkopf! Was sorgst du dich so? Du wirst ja eh andauernd geführt.“

Und in diesem Augenblick machte das Bild, der Traum vollkommen Sinn. Wie konnte er so blind sein? Wie konnte er vergessen, dass er einfach nur hören und folgen musste. Wie lange war das her, dass er das gelernt haben musste und wie oft hatte er das altklug Anderen schon gepredigt? Und nun hatte er es vor lauter Alltag, Angst und Kummer einfach vergessen!

Er war derart erstaunt ob dieser Erkenntnis und seiner eigenen Torheit, dass er nicht merkte, wie er mit offenem Mund und Augen einige Minuten so da stand. Als er dies bemerkte, schüttelte er den Kopf leicht und erweckte sich damit wieder aus seiner Starre.

Und er ging geradewegs zu seinem Bett, schloss die Augen und wusste, morgen würde er noch vor seinem Kater auf sein. Morgen würde die Katze von seinem morgendlichen Tun geweckt werden.

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