Wir neigen uns vor dem göttlichen im Menschen.

Einst war ein junger, aber verbitterter Bauer, dessen liebste Kuh gestorben war. Sie hatte sich eine Verletzung beim Alpabtrieb zugezogen und da sie schon recht alt war konnte sie die Kraft nicht mehr aufbringen, um sich zu erholen.

Der Bauer wurde nur noch erboster, weil er sein Tier verlor, auch weil sie ihm sehr nahe war. Und auch wenn er noch zwei Kühe hatte, musste man schon schauen, wie man gut über die Runden kam.

Nun suchte er in seinem Gram einen Schuldigen für das Unglück, und er fand keinen anderen, als den alten Druiden des Dorfes. Dieser hatte zu Beginn des Sommers die Kühe und die Alpe gesegnet, so wie sie es seit alters her jedes Jahr taten. Der Bauer konnte sich keinen besseren Reim darauf machen, als dass der Druide einen Fehler gemacht haben musste, oder könnte es sogar Absicht gewesen sein…?

So von seiner Wut gesteuert, stapfte er hinauf zur kleinen Holzhütte nahe dem Nemeton und klopfte wild und ohne Anstand an seine Tür: „Komm heraus…“. Weiter konnte er nichts mehr sagen, denn die Türe öffnete sich schon. Der Druide hatte, wie in weiser Voraussicht, schon die Türe geöffnet. Der letzte Schlag der Faust des Bauern verfehlte die Tür und auch den Druiden, der mit einem kaum merkbaren Lächeln noch etwas Abstand um Türrahmen gehalten hatte. Der Mann erschrak, nicht zuletzt weil er nun erst bemerkte, mit welcher Art er an die Türe des Weisen getreten war.

Der Druide kam nun ganz an die Tür heran, sagte in freundlichem Ton und mit einem Lächeln auf dem Gesicht:

„Grüße Dich Bauer, was treibt dich heut so energisch zu mir herauf?“

„Was mich zu dir herauftreibt?“ erhob der Mann seine Stimme wieder und schob damit seine Bedenken beiseite.

„Du hast letzten Sommer den Alpauftrieb nicht richtig gesegnet, das treibt mich herauf. Darum ist meine Resi gestorben. Da gibt es keine andere Erklärung dafür! Die hat sich noch nie verletzt, ihr ganzes Leben lang ned! Wahrscheinlich hast du mir auch noch was antun´ wollen!“ Der Alte wurde ernster, nickte und betrachtete einen Moment die Himbeere an der Hausecke, mit ihren verschiedenen Beeren – unreifen, saftig roten und verdorrten.

„ Ich verstehe … du hast sehr an ihr gehangen, ich hab schon gemerkt, dass dir ihr Tod sehr nahe geht.“ Er blickte wieder hoch und sah dem Bauer in die Augen: „Nun, schau her: Die Alp und die Kühe sind gesegnet worden von den Göttern, der Hausgeist ist wohlgesonnen. Die Wesen des Berges sind immer noch zufrieden mit deiner Arbeit auf der Höhe. Deine Kuh ist schon recht alt gewesen, wenn mich nicht alles täuscht, hat sie schon dein Vater gehabt. Wahrscheinlich war ihre Zeit schon mehr als erschöpft, sie ist ihren Weg gut gegangen. Den anderen Tieren geht es glaub ich auch ganz gut, ich hab gehört du hast diesen Sommer einiges mehr an Milch gehabt als letzten Sommer.“

Das Gesicht des Bauern verzog sich und noch mehr Wut stieg in ihm auf: „ Was weißt denn du schon von der Arbeit mit den Tieren auf dem Berg? Hart ist´s und das ist bitter, wenn ma´ sein letztes Tier vom Vater verliert.“

Immer mehr steigerte er sich in sein Gefühl, zeigte drohend mit dem Finger auf den weisen Alten und schrie:

„Und wenn du das nicht wieder gut machst, dann … dann …“ Er hätte fast gesagt, „verfluch´ ich dich“, so etwas wollte er aber dann doch nicht. Soviel hatte er schon gelernt zu Hause, dass er wusste was das bedeutete.

Der Druide hatte sehr wohl verstanden. Seinen Augen senkten sich nochmals zu den Beeren, verharrten einen Moment und blickten wieder hoch zum Bauern. „Geh zu deinen Tieren, die brauchen dich. Wahrscheinlich ist der Bachmann schon auf dem Weg zu dir mit einem neuen Kälbchen. Mögen deine Wege gesegnet sein!“ Er legte seine Hände vor die Brust und verneigte sich kurz vor dem Bauer … dieser aber machte eine abfällige Bewegung mit seiner Hand, drehte sich um und stapfte wütend davon. Der Alte blickte ihm nach, seufzte etwas und lächelte.

Da kam Aidan, sein Schüler, etwas ausser Puste daher und blickte zuerst dem Bauer nach. Dann sah er mit zusammengezogenen Brauen den Lehrer fragend an und sagte etwas ungehalten: „Meister, ich habe von unten her gesehen, wie der Bauer auf dich losgehen wollte. Wieso lässt du ihn so einfach gehen? Ein Druide muss sich vor einem, der sich so respektlos verhält, doch nicht verneigen?“

„Junge!“ begann der Druide, der bis jetzt noch in die Richtung blickte, wohin der Mann ging, obwohl er schon nicht mehr zu sehen war. Nun drehte er sich zu ihm, legte seine Hand um die Schulter des Jungen, führte ihn in die Stube und sprach weiter:

„Zügle du dein Temperament und merke dir eines:

Wir neigen uns niemals vor einem zornigen Kind, sondern vor dem reinen, göttlichen Anteil im Menschen.“

Gruß in Wahrheit, Liebe und Friede

Eure Dela

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